Kennst Du das Gefühl, dass Dein Leben eigentlich ganz gut läuft und Du Dich trotzdem manchmal fragst, wo die letzten Jahre geblieben sind? Du hast funktioniert, organisiert, Dich gekümmert, Termine koordiniert und dafür gesorgt, dass alle ihren Weg gehen können. Und plötzlich stehen die Kinder fast erwachsen vor Dir und Du fragst Dich: Habe ich diese Zeit eigentlich wirklich genossen?
Vielleicht ist genau das die Einladung des Südens in unserem 7-Wege-Kompass: wieder mehr zu spüren, statt nur zu funktionieren.
Wenn das Leben funktioniert, aber Du es kaum noch fühlst
Der Süden steht für Wärme, Lebensfreude, Genuss, Körperlichkeit und Leidenschaft. Für all das, was das Leben unmittelbar und sinnlich macht. Doch gerade in der Lebensmitte leben wir häufig ziemlich weit entfernt von diesem Süden. Wir verbringen viel Zeit im Kopf, planen, organisieren, lösen Probleme und denken schon an morgen, während heute eigentlich gerade passiert.
Und dann gibt es diese Tage, an denen Du mit schlechter Laune aufwachst und vielleicht sogar denkst: „Jetzt muss ich mich aber zusammenreißen.“ Überall liest Du, wie wichtig positives Denken und eine hohe Schwingung sind. Aber was, wenn Du einfach mal schlecht drauf bist?
Vielleicht musst Du nicht jede Emotion sofort verändern. Ärger darf einfach Ärger sein. Enttäuschung darf wehtun und Traurigkeit darf da sein. Der Süden bedeutet nicht, ständig gute Laune zu produzieren. Er bedeutet, wieder ehrlich wahrzunehmen, was gerade wirklich in Dir passiert. Denn wenn Du Deine unangenehmen Gefühle ständig wegschiebst, wird irgendwann auch die Freude leiser.
Gut Wetter
Volker hat früher viel Zeit beim Surfen in der Türkei verbracht. Er hat die Sonne geliebt, das warme Licht, die langen Abende und die Wärme auf der Haut. Gerade wenn man aus Deutschland kommt, fühlt sich das erst einmal wie das Paradies an.
Aber nach ungefähr sechs Wochen ging ihm der blaue Himmel auf den Sack.
Jeden Tag Sonne. Keine Wolke, kein Regen, kein Wetterumschwung. Und irgendwann merkte er, dass er genau das vermisste: den Herbst, den Regen, dieses besondere Licht im November und sogar die kalten Tage, an denen man sich drinnen einkuschelt und sich über eine Tasse Tee freut.
Heute sagt er: "Ich brauche nicht immer gutes Wetter. Ich brauche echtes Wetter.“
Und vielleicht steckt darin viel mehr, als es zunächst klingt. Denn der erste warme Frühlingstag fühlt sich gerade deshalb so gut an, weil vorher Winter war. Ein Kaminfeuer ist schön, weil es draußen kalt ist.
Vielleicht bedeutet Lebensfreude deshalb gar nicht, möglichst viele angenehme Gefühle zu haben. Vielleicht bedeutet sie, wieder empfänglich für das ganze Leben zu werden – für Wärme und Kälte, für Leichtigkeit und Schwere, für Lachen und Tränen.
Die Kalender der Kinder
Bei Meike zu Hause hängen viele Kalender mit Fotos ihrer Kinder. Inzwischen sind es ziemlich viele Jahre Familiengeschichte. Wenn sie davorsteht, kann sie durch ihr Leben gehen: Babys, Geburtstage, Weihnachten, Urlaube, Einschulungen. Kleine Gesichter, die sich langsam verändern, bis aus Kindern plötzlich junge Erwachsene geworden sind.
Gerade jetzt, wo ihr erster Sohn sein Abitur in der Tasche hat und der zweite Sohn 18 wird, schaut sie diese Bilder noch einmal anders an. Und manchmal fragt sie sich tatsächlich: „Habe ich diese Zeit wirklich, wirklich genossen?“
Natürlich war sie da. Natürlich hat sie sich gekümmert. Aber darum geht es nicht. Sie fragt sich, wie oft sie wirklich innegehalten und gedacht hat: „Was für ein Glück, dass ich genau diesen Moment gerade erleben darf.“
Oder war sie gedanklich schon beim nächsten Termin, beim Essen, bei der Arbeit oder bei dem, was noch erledigt werden musste?
Die Vergangenheit kann sie nicht zurückholen. Aber diese Frage hat etwas in ihr verändert: „Bin ich heute wirklich da, während mein Leben gerade passiert?“
Und genau hier beginnt das Staunen.
Warum wir als Erwachsene das Staunen verlieren
Kinder können minutenlang eine Ameise beobachten. Ein Stein kann plötzlich ein Schatz sein, eine Pfütze ein Abenteuer. Sie müssen nicht entscheiden, ob etwas sinnvoll ist. Sie sind einfach fasziniert.
Wir Erwachsenen haben dagegen gelernt, die Welt schnell abzuhaken: Baum, kenne ich. Ameise, kenne ich. Sonnenuntergang, schon tausendmal gesehen.
Unser Gehirn hilft uns dabei. Es arbeitet effizient und richtet seine Aufmerksamkeit besonders auf mögliche Gefahren und Probleme. Der sogenannte Negativity Bias sorgt dafür, dass uns das, was nicht funktioniert, häufig stärker beschäftigt als das, was schön ist.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, den Autopiloten manchmal bewusst auszuschalten. Geh einmal einen Weg, den Du seit Jahren kennst, und tu so, als würdest Du ihn zum ersten Mal sehen. Schau Dir einen Baum wirklich an. Wie sieht die Rinde aus? Wo wächst Moos? Welche Geräusche hörst Du?
Die Welt hat sich nicht verändert. Aber vielleicht hat sich Deine Aufmerksamkeit verändert.
Staunen statt Besitzen
Ein wunderbares Bild dafür findet sich im Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“. Walter lebt zunächst sehr viel in seinem Kopf und sehr wenig im tatsächlichen Leben. Erst als sein Arbeitsplatz bedroht ist und ein wichtiges Negativ für eine Titelseite verschwindet, beginnt eine Reise, die ihn aus seinem gewohnten Alltag herausführt.
Eine der schönsten Szenen spielt am Ende des Films. Walter sitzt mit dem Fotografen Sean O’Connell in den Bergen. Sie warten auf einen seltenen Schneeleoparden. Dann erscheint er tatsächlich.
Walter erwartet, dass Sean sofort seine Kamera nimmt. Doch der Fotograf fotografiert nicht. Er schaut einfach. Als Walter ihn fragt, warum er kein Foto macht, erklärt Sean sinngemäß, dass es Momente gibt, in denen er die Kamera nicht zwischen sich und das Erlebnis bringen möchte.
„Staunen statt Besitzen.“
Ich finde, genau das beschreibt unseren Alltag ziemlich gut. Wir fotografieren den Sonnenuntergang, bevor wir ihn wirklich angesehen haben. Wir filmen das Konzert, statt einfach zuzuhören. Wir denken beim Spaziergang schon an die nächste Aufgabe. Unser Körper ist hier, unsere Aufmerksamkeit ist längst woanders.
Und vielleicht fühlen sich manche Jahre deshalb im Rückblick so kurz an. Nicht, weil nichts passiert ist, sondern weil wir so oft schon beim nächsten Moment waren, während der jetzige gerade passiert ist.
Vielleicht brauchst Du nicht mehr. Vielleicht musst Du nur wieder mehr wahrnehmen.
Der Süden bedeutet deshalb nicht, dass Du Dein Leben komplett verändern musst.
Vielleicht beginnt Dein Süden viel kleiner: mit einem Kaffee, den Du wirklich schmeckst, mit einem Gespräch, bei dem Dein Handy liegen bleibt, mit Musik, zu der Du tanzt, oder mit einem Menschen, den Du wirklich ansiehst. Vielleicht beginnt er auch mit einem Gefühl, das Du nicht sofort wegmachen musst, oder mit einem Moment, in dem Du einfach stehen bleibst und staunst.
Ein schöner Gedanke, der Marcel Proust zugeschrieben wird, lautet:
„Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.“
Vielleicht musst Du also gar nicht weit reisen, um Deinen Süden wiederzufinden. Vielleicht musst Du nur anfangen, das Leben, das längst da ist, wieder wirklich zu erleben.
ÜBER UNS

Meike Völkner & Volker Nunhardt
Als Ehepaar und Experten-Team begleiten wir Menschen in der zweiten Lebenshälfte dabei, Umbrüche als kraftvolle Neuanfänge zu gestalten. Auf unserer Plattform bieten wir mit Online-Kursen, Podcasts und Retreats ganzheitliche Strategien für mehr innere Ruhe und Selbstvertrauen. Unser Ziel ist es, ein stabiles Fundament zu bieten, auf dem Männer und Frauen in der Lebensmitte ihre persönliche Freiheit und Souveränität neu definieren können.
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