Stellt Euch einmal vor, die Kinder sind aus dem Haus, die Stille im Flur ist plötzlich ohrenbetäubend und die vertraute Rolle als Vollzeiteltern ist von heute auf morgen vorbei. Viele fragen sich in genau diesem Moment: Wer bin ich eigentlich, wenn ich die Uniform des Familienmanagers ablegen muss?
Genau darum geht es heute: Um die großen Rollen im Leben, das Loslassen und den Mut zu fragen, wer ich eigentlich ohne diese Rollen bin. Und wir verraten Euch, was ein weltberühmter Schwindler, der es auf die Bühnen aller Theater geschafft hat, uns über unsere eigenen Masken beibringen kann. Heute sprechen wir über Rollen und darüber, wie man sie verkörpert.
Der Hauptmann von Köpenick: Die nackte Macht einer Uniform
Fangen wir doch gleich mal mit dem weltberühmten Schwindler an. Die Rede ist von Wilhelm Voigt und einer Geschichte, die sich im Jahr 1906 im preußischen Kaiserreich ereignete. Voigt war ein arbeitsloser, vorbestrafter Schuhmacher – eine ziemlich arme Wurst in einem bürokratischen Teufelskreis: Ohne Aufenthaltsgenehmigung bekam er keine Arbeit, und ohne Arbeit keine Genehmigung. Für den Staat war er ein Niemand.
Um an einen Pass zu kommen, fasste er einen ebenso genialen wie dreisten Plan: Er kaufte sich bei verschiedenen Händlern eine gebrauchte Hauptmannsuniform des preußischen Militärs zusammen. Am 16. Oktober 1906 zog er in dieser Verkleidung los, fing auf der Straße zwei Trupps Soldaten ab und unterstellte sie einfach seinem Kommando. Aufgrund des blinden Gehorsams gegenüber der Uniform zweifelte kein Mensch seine Autorität an. Er besetzte das Rathaus von Köpenick, ließ den Bürgermeister verhaften und beschlagnahmte die Stadtkasse mit rund 4.000 Mark (heute fast 30.000 Euro!).
Das Kuriose? Einen Pass gab es in diesem Rathaus überhaupt nicht. Voigt flog auf, wurde verhaftet und ganz Deutschland – inklusive Kaiser Wilhelm II. – lachte sich über diese „Köpenickiade“ kaputt.
Doch die Geschichte zeigt uns etwas Tiefgründiges: Die Menschen gehorchten nicht dem armen Schuster Voigt, sondern dem Bild, das diese leere Hülle der Uniform transportierte.
Die alltägliche Uniformierung: Warum wir alle Masken tragen
Der Begriff Uniform kommt vom lateinischen „uniformis“ und bedeutet einförmig oder gleichgestaltet. Wir kennen sie von der Polizei oder der Feuerwehr, wo sie Funktion und Zugehörigkeit signalisiert. Doch wir alle uniformieren uns im Alltag ganz freiwillig – oft unbewusst.
Mode ist in gewisser Weise auch eine Uniform. Wir glauben, wir drücken damit unsere Persönlichkeit aus, kaufen aber oft nur das Ticket für eine bestimmte Bubble oder Peergroup.
Meike: „Ich erinnere mich noch gut an meine Jugend: Statt der teuren Surfmarken trug ich bewusst eine Second-Hand-Lederjacke und ein Palästinensertuch, um super individuell zu sein – und gehörte damit prompt zur nächsten Bubble der Individualisten!“
Selbst für Menschen ab 50 gibt es sie: Die praktische Outdoorjacke kombiniert mit der pflegeleichten Kurzhaarfrisur für Sie und Ihn. Wir passen uns an, weil wir Angst haben, aus der Herde ausgestoßen zu werden.
Und im Beruf geht das Rollenspiel oft erst richtig los:
Volker: „Ich stutzte für die ersten Kundentermine im BWL-Studium meine langen Surferhaare und schlüpfte in den Anzug – der sich im Alltag oft wie eine Verkleidung anfühlte.“
Der Perfektions-Druck
Frauen wird in Chefetagen oft suggeriert, sie könnten gar nicht ungeschminkt Karriere machen, weil Make-up Professionalität signalisiert und Müdigkeit kaschiert.
Wenn Du als harmoniebedürftiger Mensch im Job täglich den dominanten, harten Chef oder die Chefin mimen musst, ziehst Du morgens eine unsichtbare Uniform an, die Dir hinten und vorne nicht passt. Das kostet unendlich viel Energie.
Meike: „Als ich letztes Jahr meinen Job gekündigt habe, weil mein Körper mich gestoppt hat, musste ich mich auch erst fragen: Wer bin ich eigentlich ohne die Rolle der Frau, die Artikel schreibt und Vorträge hält? Rollken geben Status, aber sie sind nicht unser Kern.“
Das leere Nest: Wenn die Hauptrolle plötzlich gestrichen wird
Das größte Rollensystem ist jedoch die Familie. Jahrelang schlüpfen wir automatisch in die Rollen der Kümmerer, Logistiker, Taxifahrer und Problemlöser. Das funktioniert so perfekt, dass wir uns selbst als Paare oft nur noch in diesen Rollen begegnen und über Einkaufszettel oder Handwerkerrechnungen sprechen. Das eigentliche Liebespaar verschwindet hinter der Familien-Uniform.
Wenn die Kinder dann ausziehen, bricht diese Rolle von heute auf morgen weg. Und plötzlich sitzt man sich am Küchentisch gegenüber und fragst sich: Wer ist eigentlich der Mensch mir gegenüber – und wer bin ich selbst, wenn keiner mehr etwas von mir erwartet? Das fühlt sich im ersten Moment nackt und beängstigend an.
Aber es ist die spannendste Phase überhaupt!
Es ist die Chance, sich völlig neu zu erfinden und zu den Fragen zurückzukehren: Was habe ich vor den Kindern geliebt? Wie habe ich gelebt?
William Shakespeare schrieb in seinem Stück „Wie es euch gefällt“ einen weisen Satz: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“
Er zeigt uns, dass keine Rolle für die Ewigkeit bestimmt ist. Sie dürfen und müssen sich verändern. Alles ist nur eine Phase!
Möchtet Ihr lernen, wie Ihr das Drehbuch Eures Lebens selbst schreibt, statt nur Eure alten Rollen abzuspielen?
In der 8. Folge unseres Podcasts „reif & frei“ gehen wir den Masken auf den Grund und teilen inspirierende Impulse mit Euch:
Das DISG-Modell: Warum bestimmte Berufsrollen Eurem wahren Farb-Typus widersprechen und wie Ihr diesen Energiefressern auf die Spur kommt.
Die Rollen unserer Kindheit: Ob großer Bruder, brave Tochter, Klassenclown oder ewiger Zweifler – wir prüfen, welche Kindheitsrollen wir heute noch unbewusst weiterspielen.
Das fesselnde Leben der Mary Ann Evans: Wie eine Frau im viktorianischen England unter dem Männer-Pseudonym George Eliot alle gesellschaftlichen Rollen sprengte, um als bedeutende Autorin gehört zu werden.
Unsere exklusive Bühnen-Übung: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit den 5 entscheidenden Fragen, die Ihr Euch auf einem Blatt Papier stellen solltet, um Eure heimliche Lieblingsrolle zu entdecken.
Am Ende der Folge haben wir noch das wunderbare Zitat von George Eliot für Euch: „Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können“.
Hört gerne rein, werft die alten Uniformen ab und genießt Eure neuen Lieblingsrollen!
ÜBER UNS

Meike Völkner & Volker Nunhardt
Als Ehepaar und Experten-Team begleiten wir Menschen in der zweiten Lebenshälfte dabei, Umbrüche als kraftvolle Neuanfänge zu gestalten. Auf unserer Plattform bieten wir mit Online-Kursen, Podcasts und Retreats ganzheitliche Strategien für mehr innere Ruhe und Selbstvertrauen. Unser Ziel ist es, ein stabiles Fundament zu bieten, auf dem Männer und Frauen in der Lebensmitte ihre persönliche Freiheit und Souveränität neu definieren können.
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Herzlich willkommen
beim ViaOria-Podcast
„reif & frei"!

Wir widmen uns der großen Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn die gewohnten Rollen als Mama, Papa oder Leistungsträger wegfallen?
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